Orale Therapie gegen Multiples Myelom
Das neue Medikament Lenalidomid zeigt gute Ansprechraten beim Myelom.
Ein Bericht von Univ-Doz.Dr.Eberhard Gunsilius Universitätsklinik für Innere Medizin Innsbruck Abteilung Hämatologie und Onkologie
„Lenalidomid gehört zu einer neuen Klasse von Wirkstoffen, die man IMIDs® nennt und die aus der Grundsubstanz Thalidomid entwickelt wurden“, erklärte Priv.-Doz. Dr. Axel Glasmacher, Hämatologe und medizinischer Direktor der Firma Celgene Deutschland, bei der gemeinsamen Jahrestagung der DÖSGHO in Leipzig im Oktober 2006. Diese IMIDs zeichnen sich durch zumindest fünf verschiedene Wirkungsweisen aus:
- Sie wirken entzündungshemmend
- Sie stimulieren bestimmte weiße Blutkörperchen (T-Zellen und natürliche Killerzellen)
- Sie wirken der Neubildung von Blutgefäßen (in Tumoren) entgegen
- Sie hemmen die Vermehrung von Tumorzellen (z.B. Myelomzellen)
- Sie fördern die Neubildung normaler roter Blutkörperchen
Nicht alle IMIDs haben alle diese fünf Wirkungen im gleichen Ausmaß. So hemmt Lenalidomid vor allem die Vermehrung von Myelomzellen sowie Entzündungen durch Blockade bestimmter Botenstoffe (z.B. TNF-?) und führt zur Stimulation bestimmter weißer Blutkörperchen. Als zusätzlicher Vorteil dieser neuen Substanz ist die patientenfreundliche orale Darreichungsform anzusehen.
Wirkung bei Multiplem Myelom
Auf dem Leipziger Kongress wurden zwei internationale Studien vorgestellt, an denen jeweils ca. 350 MM-Patienten teilnahmen. Alle waren stark vorbehandelt, z.B. mit Thalidomid oder Bortezomib. 60% hatten bereits eine Stammzelltransplantation und eine hoch dosierte Therapie mit Dexamethason erhalten. Diese Patienten wurden nun in zwei Gruppen geteilt. Die eine erhielt Dexamethason alleine, die andere sowohl Lenalidomid als auch Dexamethason. Das eindeutige Ergebnis: Die Ansprechraten lagen unter der Kombinationsbehandlung Lenalidomid/Dexamethason bei fast 60%, unter Dexamethason alleine nur bei etwas über 20%. In beiden Studien war auch die Zeit bis zum Fortschreiten der Krankheit unter der Kombinationstherapie verlängert. Auch die Gesamtüberlebenszeit war zumindest in einer Studie verlängert. Die wichtigsten Nebenwirkungen, die in diesen Studien auftraten, waren ein Absinken der weißen Blutkörperchen (Neutropenie), der roten Blutkörperchen (Anämie) und der Blutplättchen (Thrombopenie), weiters Magen-Darm-Beschwerden. Alle diese Nebenwirkungen waren jedoch gut handhabbar. Auffallend war, dass Thalidomid-typische Nebenwirkungen wie Neuropathie oder Sedierung unter Lenalidomid kaum beobachtet wurden.
Auch mit anderen, bekannten Substanzen kann Lenalidomid bei MM kombiniert werden. So gab es neulich eine kleinere Studie mit 33 MM-Patienten, die entweder ein neuerliches Auftreten der Erkrankung zeigten oder nicht auf die bisherige Therapie ansprachen. Dabei wurde Lenalidomid mit dem Zytostatikum Doxorubicin und mit Dexamethason kombiniert. Die Ergebnisse waren bei zwei Drittel der Patienten positiv. „Sowohl die Ergebnisse mit Lenalidomid bei neu aufgetretenem als auch bei therapieresistentem bzw. wiederaufgetretenem MM sind vielversprechend“, so Univ.-Prof. Dr. Hermann Einsele, Direktor der Klinik und Poliklinik II, Würzburg.
In Österreich ist Lenalinomid (Revlimid®) noch nicht zugelassen. Im Rahmen einer Studie ist es erhältlich oder es kann in bestimmten Fällen nach Beantragung von der Krankenkasse erstattet werden.

